Pflanzenkraft & moderne Medizin
September 27, 2026
Natur und Wissenschaft gehören zusammen. Es gibt Gespräche, die bleiben länger bei mir. Bei meinem letzten Retreat saßen wir zusammen und sprachen über Gesundheit, Ernährung und Nährstoffe. Irgendwann kam die Frage auf, wie ich eigentlich zu Nahrungsergänzungsmitteln stehe. Ob Vitamine in Kapseln nicht etwas Künstliches seien. Ich habe schon einmal darüber geschrieben.
Ich musste über diese Frage später noch häufiger nachdenken. Nicht, weil sie ungewöhnlich ist, sondern weil sie etwas sehr Typisches über unsere Vorstellung von Gesundheit erzählt.
Wir haben begonnen, Kategorien zu bilden. Hier die Natur. Dort die Medizin. Hier Pflanzen und traditionelle Anwendungen. Dort Labordiagnostik und Wissenschaft.
Hier „natürlich“.
Dort „chemisch“.
Doch unser Körper kennt diese Trennung nicht. Er kennt Moleküle. Rezeptoren. Enzyme. Hormone. Botenstoffe. Nährstoffe. Stoffwechselwege. Ich finde, dass genau darin eine der schönsten Möglichkeiten moderner Gesundheitsbegleitung liegt:
Wir müssen uns nicht zwischen Natur und Wissenschaft entscheiden. Wir dürfen beginnen, beides wirklich zu verstehen.
Natur ist mehr als Wald, Wasser und frische Luft
In meinem Beitrag „Natur ist kein Zusatz – sie ist deine Grundlage“ habe ich darüber geschrieben, warum Natur für mich weit mehr ist als ein schöner Ort, den wir am Wochenende besuchen.
Wir sind selbst Natur.
Unser Körper folgt Rhythmen. Er reagiert auf Licht und Dunkelheit, Bewegung und Ruhe, Nahrung, Berührung, Temperatur, Schlaf und soziale Verbindung. Doch Natur endet nicht bei einem Spaziergang im Wald.
Natur ist auch Biochemie.
Eine Pflanze besteht aus einer Vielzahl chemischer Verbindungen. Unser Essen besteht aus Molekülen. Vitamine sind definierte organische Verbindungen, Mineralstoffe chemische Elemente beziehungsweise deren Verbindungen. Proteine werden in Aminosäuren zerlegt. Fette liefern Fettsäuren. Kohlenhydrate werden unter anderem zu Glukose abgebaut.
Unser Organismus nimmt diese Stoffe auf, verändert sie, transportiert sie und baut aus ihnen wieder Neues.
Genau darüber habe ich im Beitrag „Der Körper baut aus dem, was wir ihm geben“ geschrieben: Während wir unseren Alltag leben, laufen in uns ununterbrochen Aufbau-, Abbau- und Regulationsprozesse.
Das Wort „Chemie“ steht deshalb nicht im Gegensatz zur Natur.
Natur ist Chemie. Und Chemie ist zunächst einfach die Wissenschaft von Stoffen, ihren Eigenschaften und ihren Veränderungen.
Erst die Frage, welcher Stoff in welcher Menge auf welchen Organismus trifft, erzählt uns etwas über seine Wirkung.
Die Apotheke der Natur ist älter als unsere moderne Medizin
Menschen nutzen Pflanzen seit Jahrtausenden zur Behandlung von Beschwerden. Viele dieser Anwendungen entstanden lange bevor wir wussten, welche Moleküle eine Pflanze enthält oder über welche Mechanismen sie im menschlichen Organismus wirken können.
Heute können wir einen Teil dieses alten Erfahrungswissens mit modernen wissenschaftlichen Methoden untersuchen. Und dabei zeigt sich etwas Faszinierendes: Die Geschichte der modernen Pharmakologie und die Geschichte der Naturstoffe sind eng miteinander verbunden.
Die Weltgesundheitsorganisation weist darauf hin, dass rund 40 Prozent heutiger pharmazeutischer Produkte eine Naturstoffbasis haben. Historisch bekannte Beispiele reichen von Wirkstoffen, deren Entwicklung durch Weidenrinde und ihre Salicylate inspiriert wurde, bis hin zu Artemisinin aus Artemisia annua, das zu einem entscheidenden Wirkstoff in der Malariatherapie wurde. Auch in der Krebsmedizin spielen pflanzliche Naturstoffe und daraus entwickelte Substanzen eine bedeutende Rolle.
Für mich ist das ein wunderschönes Beispiel dafür, warum die Trennung in „Natur“ und „Medizin“ häufig künstlicher ist, als wir denken. Die moderne Medizin hat die Natur nicht einfach ersetzt. Sie hat begonnen, genauer hinzuschauen.
Welche Substanz wirkt? Über welchen Mechanismus? In welcher Dosis? Wie lässt sie sich reproduzierbar herstellen? Welche Nebenwirkungen gibt es? Und bei welchen Erkrankungen ist ihre Wirkung tatsächlich nachweisbar?
Wissenschaft nimmt der Natur ihren Zauber nicht. Sie hilft uns, einen Teil davon zu verstehen.
Aber natürlich bedeutet nicht automatisch sanft
Genau an dieser Stelle gehört für mich allerdings eine zweite Wahrheit dazu. Wenn wir Natur romantisieren, machen wir denselben Fehler wie dann, wenn wir sie vollständig aus der Medizin verbannen. Denn eine Pflanze kann wirken.
Und gerade weil sie wirken kann, kann sie auch Nebenwirkungen haben. Das National Center for Complementary and Integrative Health weist ausdrücklich darauf hin, dass „natürlich“ weder automatisch „sicher“ noch „besser“ bedeutet. Pflanzliche Präparate können pharmakologisch aktive Substanzen enthalten, unerwünschte Wirkungen verursachen und mit Arzneimitteln interagieren.
Ein sehr bekanntes Beispiel ist Johanniskraut. Es wird pflanzlich eingesetzt und kann gleichzeitig den Abbau verschiedener Arzneimittel beeinflussen. Dadurch können unter anderem Wechselwirkungen mit bestimmten Antidepressiva, Gerinnungshemmern oder hormonellen Verhütungsmitteln entstehen.
Und genau deshalb mag ich weder den Satz „Es ist natürlich, also kann es nicht schaden“ noch „Es ist Naturheilkunde, also ist es unwissenschaftlich.“
Beide Aussagen sind zu einfach. Die spannendere Frage lautet:
Was wissen wir über Wirkung, Dosierung, Sicherheit und den Menschen, der es anwendet?
Auch Nährstoffe sind Biochemie
Ähnliches erlebe ich es bei Vitaminen und Mineralstoffen. Vielleicht kommt daher auch die Frage aus meinem Retreat immer wieder in meinen Kopf zurück. Ein Vitamin verliert nicht seine biologische Bedeutung, weil es in einer Kapsel steckt.
Vitamin B12 bleibt ein Molekül, das unser Organismus für bestimmte Prozesse benötigt. Magnesium bleibt ein Mineralstoff. Eisen bleibt ein essenzielles Spurenelement. Omega-3-Fettsäuren bleiben Fettsäuren.
Gleichzeitig folgt daraus nicht, dass jeder Mensch diese Stoffe supplementieren sollte. Und genau diese Unterscheidung ist mir wichtig. Nährstoffe brauchen wir. Nahrungsergänzungsmittel brauchen wir nicht automatisch.
Denn auch bei essenziellen Nährstoffen gilt nicht: viel hilft viel. Für verschiedene Vitamine und Mineralstoffe existieren obere tolerierbare Zufuhrmengen, weil eine langfristig zu hohe Aufnahme gesundheitliche Risiken mit sich bringen kann. Auch Wechselwirkungen mit Medikamenten sind möglich.
Deshalb beginnt Nährstoffmedizin für mich nicht mit dem Supplementregal. Sie beginnt mit einer Frage:
Was braucht dieser Mensch tatsächlich?
Erst verstehen, dann ergänzen
Das ist einer der Gründe, warum Laborwerte in meiner Arbeit eine so wichtige Rolle spielen.
Im letzten Beitrag „Wenn ‚normal‘ nicht bedeutet, dass es dir gut geht“ haben wir uns bereits damit beschäftigt, warum Laborwerte immer im Zusammenhang betrachtet werden sollten.
Genau dort setzt für mich auch eine sinnvolle Nährstoffbegleitung an.
Ernährung. Beschwerden. Lebensphase. Medikamente. Vorerkrankungen. Blutverluste. Stress. Schlaf. Laborwerte. Und die Frage, was bereits eingenommen wird.
Erst aus diesen einzelnen Teilen entsteht langsam ein Bild. Manchmal zeigt dieses Bild einen Bereich, in dem eine gezielte Ergänzung sinnvoll sein kann. Manchmal zeigt es, dass Ernährung und Lebensstil die wichtigeren Stellschrauben sind. Manchmal braucht es weitere ärztliche Diagnostik. Und manchmal braucht ein Körper vor allem etwas, das sich überhaupt nicht in eine Kapsel füllen lässt:
Schlaf.
Regeneration.
Bewegung.
Tageslicht.
Verbindung.
Ruhe.
Auch das ist Biologie.

Traditionelles Wissen darf geprüft werden
Ich finde noch einen Gedanken wichtig, gerade weil in meiner Arbeit Ayurveda, Yoga, Pflanzen, Aromatherapie, Nährstoffmedizin und wissenschaftlich-medizinisches Wissen nebeneinander existieren dürfen.
Tradition ist für mich weder ein Beweis für Wirksamkeit noch etwas, das wir belächeln sollten. Sie kann ein Ausgangspunkt sein.
Menschen haben über Generationen beobachtet, welche Pflanzen, Nahrungsmittel oder Anwendungen ihnen in bestimmten Situationen geholfen haben. Moderne Forschung kann daraus Hypothesen entwickeln und untersuchen, was sich unter kontrollierten Bedingungen tatsächlich bestätigen lässt.
Auch die WHO beschreibt traditionelle, komplementäre und integrative Medizin heute ausdrücklich mit dem Ziel, solche Verfahren evidenzbasiert, sicher und qualitätsgesichert in Gesundheitsversorgung einzubinden.
Das gefällt mir.
Denn Evidenz bedeutet für mich nicht, altes Wissen gegen modernes Wissen auszuspielen.
Es bedeutet:
neugierig genug zu sein, um hinzuschauen und kritisch genug, um zu prüfen.
Nicht alles muss dieselbe Aufgabe erfüllen
Vielleicht entsteht ein Teil unseres Entweder-oder-Denkens auch deshalb, weil wir von jeder Form gesundheitlicher Begleitung dasselbe erwarten. Dabei haben unterschiedliche Dinge unterschiedliche Aufgaben.
Eine Operation kann etwas leisten, das keine Meditation leisten kann.
Ein Antibiotikum kann bei einer entsprechenden bakteriellen Infektion etwas leisten, das kein ätherisches Öl ersetzen sollte.
Eine Psychotherapie kann Prozesse begleiten, die sich nicht durch einen Vitaminwert erklären lassen.
Ein Nährstoffmangel lässt sich wiederum nicht wegmeditieren. Und ein dauerhaft überlastetes Leben wird nicht automatisch gesund, nur weil die Laborwerte optimiert wurden. Für mich beginnt integrative Gesundheit genau dort:
wenn wir aufhören, von einer einzigen Methode alles zu erwarten.
Vielleicht braucht ein Mensch medizinische Diagnostik und gleichzeitig mehr Schlaf. Vielleicht ein Medikament und eine Veränderung seiner Ernährung. Vielleicht Psychotherapie und Bewegung. Vielleicht eine gezielte Nährstofftherapie und gleichzeitig weniger Termine im Kalender.
Vielleicht Natur.
Vielleicht Berührung.
Vielleicht einfach Zeit.
Das eine macht das andere nicht kleiner. Es macht das Bild vollständiger.
Wissenschaft und Intuition müssen keine Gegner sein
Ich habe viele Jahre in einem sehr wissenschaftlich geprägten medizinischen Umfeld gearbeitet.
Daten. Studien. Diagnostik. Biomarker. Klinische Forschung. Diese Welt ist ein wichtiger Teil von mir.
Und gleichzeitig habe ich über Yoga, Körperarbeit, Psychotherapie und meine eigene Entwicklung gelernt, dass Menschen nicht ausschließlich aus messbaren Parametern bestehen.
Es gibt Erleben. Beziehung. Körperwahrnehmung. Lebensgeschichte. Bedeutung. Und diese Dinge lassen sich nicht immer vollständig auf einem Laborbogen abbilden.
Deshalb möchte ich mich auch hier nicht entscheiden.
Ich möchte wissen, was wir messen können. Und gleichzeitig wahrnehmen, was ein Mensch erlebt. Ich möchte wissenschaftliche Erkenntnisse nutzen. Und offen dafür bleiben, dass wir noch längst nicht alles verstanden haben.
Vielleicht ist genau das meine Vorstellung von integrativer Gesundheit:
so viel Wissen wie möglich und gleichzeitig genug Demut vor dem, was wir noch nicht wissen.
Zurück zu der Frage am Tisch
Und damit komme ich wieder zurück zu diesem Gespräch während meines Retreats. Sind Vitamine künstlich? Heute würde ich wahrscheinlich gar nicht mit Ja oder Nein antworten.
Ich würde sagen: Lass uns genauer hinschauen.
Was ist der Stoff? Woher kommt er? Welche Funktion erfüllt er im Körper? Braucht dieser Mensch ihn zusätzlich? In welcher Form? In welcher Menge? Und was wissen wir über Nutzen und mögliche Risiken?
Denn genau darin liegt für mich der Unterschied zwischen wahlloser Supplementierung und Nährstoffmedizin. Und vielleicht auch zwischen einem romantischen Naturverständnis und einer wirklich integrativen Sicht auf Gesundheit.
Natur verdient Wertschätzung.
Medizin verdient Wertschätzung.
Wissenschaft verdient Vertrauen und gleichzeitig die Bereitschaft, Wissen immer wieder weiterzuentwickeln. Und unser Körper verdient es, dass wir ihn nicht auf eine dieser Welten reduzieren.
Gesundheit darf größer werden
Je länger ich mich mit Gesundheit beschäftige, desto weniger interessieren mich die Grenzen zwischen einzelnen Disziplinen.
Mich interessiert das, was sie miteinander verbindet. Der Mensch. Sein Körper. Seine Geschichte. Seine Lebensbedingungen. Sein Erleben. Und seine Fähigkeit, sich immer wieder anzupassen, zu regulieren und zu entwickeln.
Vielleicht müssen wir deshalb gar keine neue Seite wählen. Vielleicht dürfen wir einfach anfangen, größer zu denken.
Mit Natur und Wissenschaft. Mit moderner Medizin und altem Wissen. Mit Laborwerten und Körpergefühl. Mit Ernährung, Psyche, Nervensystem und Lebensweise.
Nicht alles gleichzeitig. Nicht alles für jeden Menschen. Sondern das, was in diesem Moment sinnvoll ist.
Denn integrative Gesundheit bedeutet für mich nicht, möglichst viele Methoden miteinander zu verbinden.
Sie bedeutet, den ganzen Menschen im Blick zu behalten.
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Quellen & weiterführende Literatur
World Health Organization (WHO): Traditional medicine – Questions and answers. Die WHO beschreibt traditionelle, komplementäre und integrative Medizin sowie die Bedeutung einer wissenschaftlich fundierten und sicheren Integration.
World Health Organization: Traditional, Complementary and Integrative Medicine. Informationen zur aktuellen WHO-Strategie und zur evidenzbasierten Integration traditioneller und komplementärer Ansätze.
Atanasov AG et al. Discovery and resupply of pharmacologically active plant-derived natural products: A review. Biotechnology Advances. Übersicht über die historische und moderne Bedeutung pflanzlicher Naturstoffe für die Arzneimittelentwicklung.
National Center for Complementary and Integrative Health (NCCIH): Natural Doesn’t Necessarily Mean Safer, or Better. Überblick über Wirksamkeit, Sicherheit und Risiken pflanzlicher beziehungsweise natürlicher Produkte.
NIH Office of Dietary Supplements / NIH News in Health: Informationen zur sicheren Anwendung von Nahrungsergänzungsmitteln, Dosierung und möglichen Wechselwirkungen.